Meine Begegnungen mit Hugo Makibi Enomiya-Lassalle

„Das Problem des Weltfriedens ist in erster Linie eine Frage des menschlichen Herzens. Der Mensch muss ein neuer Mensch werden.“ Enomiya-Lassalle

Lassalle hat den Abwurf der Atombombe in Hiroshima aus nächster Nähe erlebt und überlebt. Das Engagement für die Errichtung der Weltfriedenskirche in Hiroshima und seine unermüdliche Arbeit, Menschen zu einem befreiten Leben zu verhelfen, waren seine Antwort auf diese Tragödie.

P. Lassalle lernte ich nicht nur bei Sesshins kennen, sondern vor allem bei einer Filmproduktion im Jahr 1984, die das Institut für Kommunikation und Medien in München durchführte. Genau genommen ging es um zwei Filme: eine Einführung in die Zen-Meditation und die Biographie von P. Lassalle.

Welche Eindrücke sind mir von damals noch präsent?

P. Lassalle hatte eine unglaubliche Geduld. Er war damals bereits 85 Jahre alt und ließ alles sehr bereitwillig über sich ergehen. Er spazierte im Garten des Meditationszentrums Dietfurt umher und tat so, als ob er wieder und wieder all die Themen besprechen würde, die zuvor schon im Interview aufgezeichnet worden waren. Dem nicht genug, wurde er dann von mir beim Mittagessen noch zusätzlich mit weiteren Fragen bombardiert – aus heutiger Sicht ist mir das fast peinlich, aber damals konnte ich einfach nicht anders. Wann spricht man schon mit jemandem, der den Abwurf der Atombombe aus nächster Nähe erlebt und überlebt hat?
1981 hatte ich im Noviziat der Jesuiten bereits eine Einführung in die Zen Meditation durch P. Niklaus Brantschen erhalten. Zen hat mich damals fasziniert, war mir aber auch fremd. Über Willigis Jäger lernte ich zunächst den christlichen Weg der Kontemplation näher kennen. 1983 studierte ich dann Philosophie in München und lernte P. Lassalle kennen. Diverse Bücher über Zen faszinierten mich nach wie vor, weshalb ich auch den Schritt wagte, zur Zen Meditation zurückzukehren.

Friedensdenkmal in Hiroshima

Nach einem Sesshin in Dietfurt durfte ich mit P. Lassalle im Auto nach München zum Flughafen mitfahren. Ich war beeindruckt, mit wie wenig Gepäck er unterwegs war. Zwar hatte sein Talar, den er beim Sesshin zu tragen pflegte ab und an doch einen kleinen Klecks abbekommen. Aber dennoch: seine ganze Lebensweise war überaus bescheiden.

Ein anderes Mal war P. Lassalle auf der Durchreise in München. Ich durfte ihn kurz besuchen und mit ihm die Eucharistie mitfeiern. – Er hat mir damals eine kleine Klangschale aus Japan mitgebracht …

Wie habe ich P. Lassalle bei Sesshins erlebt? – Nun, mit seinen 85 Jahren ist er im vollen Lotus gesessen. Wenn die Glocke geläutet hat und von mir mitunter ein kleiner, erleichterter innerer Seufzer erklang, ist er bereits gestanden. Trotz seines hohen Alters war er körperlich noch überaus fit. Aber nicht nur das: auch in den persönlichen Gesprächen hatte ich immer den Eindruck, dass er mir zugehört hat und nicht schon einen Rat parat hatte, bevor ich die Sachlage erläutert hatte. Er hat also nicht sich selbst gehört sondern ist auf mich wirklich eingegangen. Er vermochte es auch, die Teilnehmer*innen des Sesshins zu motivieren, wirklich alles zu geben.

Als Lassalle sein erstes Buch über Zen veröffentlichen wollte, wurde ihm dies von der Seite seines Ordens untersagt. Dahinter stand die Befürchtung, dass es mit der Glaubenskongregation in Rom zu ernsthaften Problemen kommen könnte. Es wurde ihm auch untersagt, Zen zu lehren. Für sich selber dürfe er aber diese Meditationsform weiterhin praktizieren. Bemerkenswert finde ich, dass Lassalle in dieser Zeit sowohl dem Orden als auch seiner innersten Überzeugung treu geblieben ist. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil und nicht zuletzt durch die Unterstützung von P. Johannes Baptist Lotz lösten sich diese Differenzen auf.

„Den Menschen zu helfen“ – das war das Motto von P. Lassalle. Es war nicht nur ein Satz, den er gesprochen hat, sondern für mich hat er dies in seinem Leben glaubhaft verwirklicht.

Teile der Videoproduktion von 1984 wurden in den Dokumentarfilm „Ai-un: Hugo Makibi Enomiya-Lassalle. Brückenbauer zwischen Zen und Christentum“ übernommen. Dieser Film von P. Christof Wolf ist bei Loyola Productions Munich als DVD erhältlich bzw. bei Amazon Prime zu erwerben.